Naturwissenschaftlicher Unterricht? Eine Stunde reservieren für die Gesetze der Physik? Brauchen wir nicht! Der Alltag ist voll von Physik und Naturgesetzen. Man muss die Aufmerksamkeit des Kindes nur ein wenig darauf stoßen – und das Lernen geschieht fast von selbst.
Wir decken den Tisch. Ein paar Teller hinstellen, Besteck dazu, Becher, bald ist das Routine. Aber dahinter steckt viel mehr. Es geht um Zahlen: Wie viele Leute sind wir? Es geht um Formen: Der Teller ist rund, der Tisch viereckig. Und es geht sogar um die Grundzüge der Informatik: vom Tischdecken über das Essen bis zur Ankunft der Nahrung im Magen – Teile davon folgen einem strengen Algorithmus, also vorher festgelegten Einzelschritten, manche Schritte können früher oder später durchgeführt werden, andere nicht. Zum Beispiel kann man die Suppe nicht auf den Teller schöpfen, bevor der Teller auf dem Tisch steht. „Es kommt auf die Reihenfolge an. Das wiederum hat mit Programmieren zu tun“, erklärt Bettina Schmidt vom Netzwerk „Kleine Forscher Hamburg“, das Teil der bundesweiten Bildungsinitiative „Haus der kleinen Forscher“ ist. Die gemeinnützige Stiftung engagiert sich für frühe Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT).
Bei den Algorithmen des Tischdeckens habe es natürlich keinen Sinn, vor dem Kind das Wort Algorithmus zu benutzen oder einzuführen, sagt Schmidt. „Es reicht in einem ersten Schritt schon, wenn man thematisiert, dass die Reihenfolge wichtig ist.“ Und der Denkanstoß ist da. Das Kind versucht vielleicht – gegebenenfalls gemeinsam mit der Lernbegleitung –, bei anderen Tätigkeiten Reihenfolgen, Strukturen, Algorithmen zu entdecken. Plötzlich wird das morgendliche Anziehen in seine Einzelschritte zerlegt. Ein Schritt in Richtung abstrakte Denkfähigkeit – und auch Partizipation und Selbstwirksamkeit. Um Kindern ein Gefühl für Naturwissenschaften zu vermitteln, braucht man keinen Chemiebaukasten und keine Physik-Lern-App. „Der Alltag ist voll von Naturwissenschaft. Wenn man es schafft, einen Bezug zwischen dem Alltag der Kinder und dem jeweiligen naturwissenschaftlichen Phänomen herzustellen, ist eine Voraussetzung für gutes Lernen schon einmal erfüllt“, sagt Bettina Schmidt.
So kann aus einer Wippe auf dem Spielplatz eine Physiklektion werden: warum das eine Kind nach oben geht, wenn das andere sich auf die andere Seite der Wippe setzt, und was geschieht, wenn ein Kind auf der Wippe nach vorn oder nach hinten rutscht. Vor dem Mittagstisch: Weshalb dampft das Wasser beim Kochen und wird weniger? Und warum wird der Herd heiß? Was ist eigentlich Energie, woher kommt sie? Und was brauchen die Pflanzen zum Wachsen, warum brauchen Autos Benzin? Wie ist das bei den Tieren – und wie bei uns Menschen?
Allerdings ist Sensibilität gefordert: Kinder erstmal experimentieren lassen, die Entdeckerlust nicht gleich mit Erklärungen und Nachfragen ersticken. „Andererseits braucht es manchmal Erzieher:innen oder Eltern, um das Kind auf Naturphänomene aufmerksam zu machen“, sagt Mirjam Steffensky, Professorin am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität in Kiel. Kinder seien zwar neugierig, doch Fragen wie „Warum ist der Himmel blau?“ stellten die wenigsten von selbst. „Wichtig sind anregende Interaktionen. Das heißt, dass man die Lerngelegenheiten als Erwachsener im Gespräch begleitet. Zum Beispiel durch Fragen, was als Nächstes passiert“, sagt Steffensky. Und Fragen kann man zusammen mit einem Kind beantworten: bei der Recherche im Internet oder indem man sich ein Buch aus der Bibliothek leiht.
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